Sehr geehrter Herr Kultusminister Rau,
in der Koalitionsvereinbarung aus dem Jahre 2006 wird den freien Schulen in Baden-Württemberg eine finanzielle Förderung zugesichert, die bis zum Jahr 2011 80 % dessen erreicht haben soll, was Schüler einer staatlichen Schule erhalten. Wir Eltern haben auf diese Zusage vertraut. Heute schreiben wir das Jahr 2010 und der Kostendeckungsgrad der unterschiedlichen Schultypen variiert zwischen 64 und 77%. Tendenz weiter sinkend.
Sie haben sich am 19.01.2010 in Stuttgart anlässlich der Demonstration gegen diese Unterfinanzierung der Freien Schulen in einem Interview geäußert. Dem Südwest-Rundfunk teilten Sie mit, dass Sie „ein Ziel nicht erreichen können, weil die Rahmenbedingungen sich geändert haben". Einem anderen Sender sagten Sie: „Versprochen haben wir gar nichts. Wir haben uns ein Ziel gesetzt." In dem Interview werfen Sie den Organisatoren der Demonstration außerdem Unredlichkeit vor. Diesen Vorwurf weisen wir Eltern in aller Deutlichkeit zurück.
Sehr geehrter Herr Rau, als Eltern geben wir unsere Kinder in die Verantwortung von Lehrkräften, die sich in der Kontinuität ihrer pädagogischen Arbeit nicht durch veränderte Rahmenbedingungen stören lassen. Genau dadurch verdienen sie sich unser Vertrauen.
Wir Eltern haben mit der Wahl unserer Volksvertreter diesen das Vertrauen ausgesprochen, sich für die Verbesserung der Bildungschancen und Bildungsangebote im Sinne von Vielfalt und Innovation einzusetzen. Sie sind dabei, dieses Vertrauen zu verspielen.
Wir fordern Sie auf, die Zusage aus dem Jahr 2006 einzuhalten. Wir erwarten von Ihnen einen verbindlichen Stufenplan, in dem festgelegt ist, bis wann der versprochene Kostendeckungsgrad von 80 % der Kosten eines staatlichen Schülers für Schulen in freier Trägerschaft umgesetzt wird. Sie unterstützen damit sowohl das Recht auf freie Schulwahl als auch die Bildungspluralität, die den Anforderungen einer globalisierten Welt Rechnung trägt. Stärken Sie unser Vertrauen in Ihre politische Arbeit: Es ist schwer erschüttert. „Versprechen muss man halten", so lautete die Aufschrift auf einem Demonstrationsplakat. Herr Minister, wir Eltern messen Sie an diesem Versprechen!
Für den Sprecherkreis des Landeselternrates der freien Waldorfschulen Baden-Württemberg, im Auftrag der Elternvertreter aus baden-württembergischen Waldorfschulen.
Franklin Schiftan,
Am Römerbad 2/1,
73525 Schwäbisch GmündSchopfheim, Februar 2010

