„Glück und Glas...“
Aus dem Chemiepraktikum der 9. Klasse
Ein bunter Strauß verschiedenster neuer Fächer wird unseren Oberstufenneulingen dargeboten! Allein im Bereich des so genannten künstlerisch-handwerklich-technischen Nachmittagsepochenunterrichts begegnen unsere Neuntklässler 7 verschiedenen Fachgebieten: Jeweils 2 mal 2 Stunden pro Woche arbeiten sie sich in einer Klassendrittelgruppe für einen Zeitraum von jeweils ca. 6 Wochen ein in Kupfertreiben, Korbflechten, Gartenbau, Schwarz-Weiß-Zeichnen, Plastizieren, Computergebrauch und in das Chemiepraktikum.
Worum geht es da?
Es geht ums praktische Tun am Labortisch! Damit jeder wirklich selbst praktisch tätig sein kann, wird in Zweiergruppen an den Arbeitstischen experimentiert. Jede praktische Arbeit verlangt aber natürlich auch, dass vorher überlegt wurde: Wie geht man am besten vor? Welcher Schritt ist der erste, was folgt dann usw.? Sachgerecht soll die Aufgabe gelöst werden, damit das Ergebnis brauchbar ist. Unfallverhütungsmaßnahmen sind als Thema ein Muss, bevor mit dem Experimentieren begonnen werden kann. Wichtige Gesichtspunkte werden besprochen und Handgriffe werden gezeigt. Und dann geht’s los: Jeder Laborant muss Glas selbst bearbeiten und formen können. Also gilt es, als erste Aufgabe ein 8mm-Glasrohr zu schneiden, die Schnittstelle umzuschmelzen, so dass sie ihre Scharfkantigkeit verliert und dann ist ein Winkel zu biegen.
Das liest sich hier so leicht und problemlos! Und wenn man’s dann kann, ist es das auch. Aber bis dahin ist doch manche Hürde zu nehmen: Mit einem Glasschneidemesser aus Spezialstahl wird die beinahe diamantharte Oberfläche angeritzt, dabei darf das Rohr nicht hohl liegen. Und dann kommt eine kleine Mutprobe: Mit beherztem Zug und leichtem Druck ist das Rohr an der Schnittstelle zu trennen; zuviel Krafteinsatz lässt es splittern, zuwenig lässt es ganz. Es kommt auf die richtige Kraft im richtigen Moment an, auf eine kleine Portion Wagemut und auf Fingerspitzengefühl. Jeder muss das für sich ausprobieren; die Lehreranweisung und das Vormachen können nur vorbereiten und Mut machen. Der eigentliche Schritt muss dann selbst getan werden, sozusagen im Dialog mit dem Material. Die „Erfolgskontrolle“ ist sofort sichtbar, aber nicht als bepunkteter Lernkontrolltest, sondern als direkt anschaubares Objekt. Die Bewertung ergibt sich aus dem Augenschein und wird vom Laboranten direkt selbst vorgenommen. Für noch Ungeschickte oder Pechvögel liegt Pflaster bereit, statt Rüge oder Tadel ist es angemessener, Trost und Mut zuzusprechen für den nächsten Versuch. Denn jeder muss zuletzt ein brauchbares Winkelrohr abliefern!
Wie geht es weiter?
Die klingenscharfen Schnitt- bzw. Bruchstellen sind in der 1000°C heißen Brennerflamme rund zu schmelzen. Glücklicherweise ist Glas ein schlechter Wärmeleiter; hier wird dieses physikalische Phänomen sozusagen handgreiflich spürbar: Man kann das gar nicht so lange Rohrstück problemlos mit der Hand in die Flamme halten, ohne dass es zu heiß wird. Allerdings darf die Hand dabei nicht höher als die Flamme sein, sondern sie sollte sich am besten seitlich unterhalb des Flammenkegels befinden. Sicherlich erraten Sie, weshalb: Wird das Röhrchen aufrecht gehalten, steigt die heiße Luft oder sogar das brennende Gas im Inneren nach obern, und dem Haltenden wird es sehr rasch zu „hitzig“. Hat man bei der Vorbesprechung nicht aufgepasst, oder geht man gedankenlos oder zu wenig geistesgegenwärtig vor, folgt die Konsequenz direkt aus dem Sachlichen, ohne jedes Lamento! Auch da helfen dann nur rasches Kühlen unter kaltem Wasser, Trostzuspruch und Mitgefühlsbekundung, sowie ein Wunder wirkender Combudoronumschlag!
Für den Experimentierenden ist es immer wieder erstaunlich und faszinierend, zu erleben, wie das harte, feste Glas in der Flamme allmählich weich wird, und wie das Rohr dann behutsam und sanft wie warmes Wachs zu biegen ist. Da drängt sich natürlich die Idee auf, freie Formen aus dem Rohr zu gestalten. Und so bekommt jeder Praktikant die Gelegenheit, ein Trinkrohr aus Glas nach eigenen Vorstellungen zu formen. Die Arbeitszeit hierbei vergeht wie im Fluge. Mit Schutzbrille und roten Wangen sitzen die Schüler an den Brennern. Konzentration und Hoffnung bestimmen die Atmosphäre. Denn nicht nur Können und Geschick werden gebraucht, immer muss man auch eine gute Portion Glück haben – nicht zuletzt beim Abkühlen des Materials, denn dann treten manchmal unvorhersehbare Sprünge durch ungleiches Abkühlen der verschiedenen Zonen auf, und das ganze kleine Kunstwerk zerbricht unbarmherzig. So ist diese eigentlich ruhige und stille Arbeit immer auch recht spannend. Wie heißt es doch im Sprichwort: „Glück und Glas, wie leicht bricht das!“ Die bei diesen ersten Arbeiten erworbenen glasformerischen Fertigkeiten werden im weiteren Praktikumsverlauf benötigt, um selbst einfache Geräte für die Versuche herzustellen, wie z.B. Pasteur-Pipetten, Gärröhrchen usw. Inhaltlich ist das Praktikum an die Themen der Hauptunterrichtsepoche angeschlossen. Unter anderem wird auch eine Destillationseinrichtung für Alkohol selbst konstruiert. Die Konzentration des damit gewonnenen Alkohols soll bestimmt werden. Wer hat die höchste Alkoholkonzentration, wer hat also am sorgfältigsten und behutsamsten gearbeitet? Um das zu prüfen, muss ein einfaches Bestimmungsverfahren für den Weingeistgehalt im Wasser entwickelt werden. Sachliche Kreativität und geduldige Serienmessungen sind gefragt. So gilt es immer wieder, in den Doppelstunden dieser 6 Wochen, im Team zu überlegen, wie man mit den bekannten Geräten, die alle für jede Arbeitsgruppe frei zugänglich sind, die jeweilige Aufgabe möglichst sachgerecht anpacken und lösen kann, selbständig und verantwortlich! Natürlich müssen sich alle an die besprochenen Regeln halten, aber nie geht es darum, bloß irgendwelche vorgegebenen Rezepte einfach nur „nachzukochen“. So kann und muss sich jeder aufschwingen, phantasievoll in Gang zu kommen, sich wirklich in die Sache zu vertiefen, sonst stellen sich keine Ideen ein, wie man vorgehen könnte. Die Ergebnisse der Teams werden anschließend besprochen und gemeinsam gewichtet, Fehler sind dazu da, um aus ihnen zu lernen. – Übrigens wird der selbst gewonnene Alkohol natürlich auch gekostet, aber dann wird er für die Herstellung kosmetischer Präparate verbraucht. Und die erfreuen sich bei allen Praktikanten erstaunlicher Beliebtheit. Damit ist das Chemiepraktikum dann meist leider zu Ende, aber es folgt ja sofort eines der anderen hochinteressanten Gebiete, und jeder „Laborant“ ist sicher am Ende der Epoche um einige Erfahrungen, Fähigkeiten und Kompetenzen (!) reicher geworden.
Hagen Henning


