Das Bildungsprinzip der Waldorfpädagogik im Alter von 0 – 18 Jahren
Fortsetzung
Teil I – Aufgaben und Ziele
In unserem 1. Teil der Betrachtung soll vom Wesen des Kindes und Jugendlichen die Rede sein und der daraus resultierenden Aufgaben und Ziele für uns Erziehende. Im 2. Teil soll dann aus der Praxis anhand von Beispielen ein Entwicklungsaufbau vom Kleinkind bis zum jungen Erwachsenen hin aufgezeigt werden.
Zum Eingang möchte ich den Begründer der Waldorfpädagogik, Rudolf Steiner zu Wort kommen lassen, der seine Sicht in der anthroposophischen Menschenkunde zum Ausdruck gebracht hat. In dem als Eingangslektüre sehr hilfreichen Büchlein Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus dem Jahre 1907 beschreibt er folgenden Umstand:
"Das gegenwärtige Leben stellt mancherlei in Frage, was der Mensch von seinen Vorfahren ererbt hat. Deshalb zeitigt es so viele «Zeitfragen» und «Zeitforderungen». Was für «Fragen» durchschwirren doch heute die Welt: die soziale Frage, die Frauenfrage, die Erziehungs- und Schulfragen, die Rechtsfragen, die Gesundheitsfragen usw. usw. Mit den mannigfaltigsten Mitteln sucht man diesen Fragen beizukommen. Die Zahl derer, welche mit diesem oder jenem Rezepte auftauchen, um diese oder jene Frage zu «lösen», oder wenigstens etwas zu ihrer Lösung beizutragen, ist eine unermesslich große. Und alle möglichen Schattierungen in der menschlichen Stimmung machen sich dabei geltend: der Radikalismus, der sich revolutionär gebärdet, die gemäßigte Stimmung, welche, mit Achtung des Bestehenden, ein Neues daraus entwickeln möchte, und der Konservativismus, der sogleich in Aufregung gerät, wenn irgend etwas von alten Einrichtungen und Traditionen angetastet wird. Und neben diesen Hauptstimmungen treten alle möglichen Zwischenstufen auf.
Wer einen tieferen Blick ins Leben zu werfen vermag, der wird sich allen diesen Erscheinungen gegenüber Eines Gefühls nicht erwehren können. Es besteht darinnen, dass unsere Zeit den Anforderungen, welche an die Menschen gestellt werden, vielfach mit unzulänglichen Mitteln gegenübertritt. Viele möchten das Leben reformieren, ohne es in seinen Grundlagen wirklich zu kennen. Wer Vorschläge machen will, wie es in der Zukunft geschehen soll, der darf sich nicht damit begnügen, das Leben nur an seiner Oberfläche kennen zu lernen. Er muss es in seinen Tiefen erforschen.
Das ganze Leben ist wie eine Pflanze, welche nicht nur das enthält, was sie dem Auge darbietet, sondern auch noch einen Zukunftszustand in ihren verborgenen Tiefen birgt. Wer eine Pflanze vor sich hat, die erst Blätter trägt, der weiß ganz gut, dass nach einiger Zeit dem Blätter tragenden Stamm auch Blüten und Früchte sein werden. Und im Verborgenen enthält schon jetzt diese Pflanze die Anlagen zu diesen Blüten und Früchten. Wie aber soll jemand sagen können, wie diese .Organe aussehen werden, der nur das an der Pflanze erforschen wollte, was sie gegenwärtig dem Auge darbietet. Nur der kann es, der sich mit dem Wesen der Pflanze bekannt gemacht hat.
Auch das ganze menschliche Leben enthält die Anlagen seiner Zukunft in sich. Um aber über diese Zukunft etwas sagen zu können, muss man in die verborgene Natur des Menschen eindringen... Das Menschenleben ist nur einmal vorhanden; und die Blüten, welche es in der Zukunft tragen soll, waren noch nicht da. Dessen ungeachtet sind sie im Menschen ebenso als Anlagen vorhanden wie die Blüten in einer gegenwärtig erst Blätter tragenden Pflanze..."