Das Bildungsprinzip der Waldorfpädagogik im Alter von 0 – 18 Jahren

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Fortsetzung

Wie schon erwähnt, bringt der Mensch eine Individualität mit seiner Geburt mit. Diese ist Voraussetzung aller Entwicklung. Die Individualität zu entfalten, das Kind, den Jugendlichen auf seinem Weg der Selbstfindung zu begleiten und zu unterstützen, das ist Erziehungs- und Bildungsaufgabe der Waldorfpädagogik.
Das Ziel soll sein, dass der junge Erwachsene in freier Selbstführung stehen und Verantwortung in seinem Umfeld übernehmen kann.

Deshalb bedarf es der Ausbildung der Sozialfähigkeit als Individualität in der Gemeinschaft. Hierzu gehört Respekt gegenüber der Natur und dem Mitmenschen frei von Hautfarbe, Religion, sozialer Schicht usw.

Es soll Emphatiefähigkeit (Sich in den anderen Menschen hineinversetzen können), demokratisches Bewusstsein, moralische Urteilsfähigkeit, Initiativkraft entwickelt werden.

Eine wichtige Grundvoraussetzung hierfür ist die Gesundheit des Kindes. Nicht nur im körperlichen Sinne von Ernährung und Bewegung ist das gemeint. Auch im geistig-seelischen Sinne ist das zu sehen z.B. Wie wirken Medien auf das Kind, was besprechen wir vor dem Kinde, was lassen wir alles das Kind entscheiden, immer natürlich im Zusammenhang mit dem jeweiligen Alter des Kindes zu sehen.
Wichtig für individuelle Entwicklung ist Nachhaltigkeit. Ein modern gewordener Begriff aus der Forstwirtschaft, der endlich wieder auf Weitsicht bauen soll. In Kürze erklärt: Welche Tat der Gegenwart wird sich in der Zukunft in positiver Wirkung zeigen. Das ist für manche Eltern schwer zu ertragen, sich vorstellen zu sollen, dass das Weniger Heute am Kind ein Mehr von Morgen sein kann. Dafür bedarf es um- und Weitsicht.

Kein Mensch von uns zweifelt daran, dass die Aussaat kleiner Körnchen auf nackte Erde einmal ein kräftiges Weizenfeld sein wird und das Brot unserer weiteren Zukunft. Dazu sollte man wissen, wann und wo man aussät.

So überlegen sie z.B. einmal die Auswirkung auf die spätere Entwicklung ihres Kindes nur für die Situation, ob sie ihm auf dem Schoße sitzend ein Märchen erzählen oder ihm in ihrer Abwesenheit eine CD gleichen Inhaltes einlegen.

Wonach verlangt Ihr  4-jähriges Kind, wenn es z.B. sagt „Ich will schreiben!“ Geben sie ihm einen Kuli, wird es auf Papier kritzeln- meistens ist dann Schluss. Geben sie ihm ein Stöckchen, wird es auch kritzeln. Beim nächsten Vorbeigang am Kinderzimmer wird es damit im Töpfchen rühren und einige Zeit später seinem sorgenvollen Rufen folgend werden sie ihr Kind das Hölzchen am Hinterteil der Puppe haltend finden mit der schmerzhaften Bemerkung: “Die Puppe ist sehr krank!“.
Sie sehen, während sie in der engen Begrifflichkeit Schreiben – Kuli verharren, überragt ihr Kind sie mit seiner Phantasie und entwickelt seine Kreativität von Morgen.

Ein Beispiel für Nachhaltigkeit in der 1. Klasse ist das Lernen des Alphabets. Jeder Buchstabe wird mit einer Geschichte eingeführt, dann als Bild gemalt und
danach im Zeichen Abstrahiert.

Eine Mutter kam in den ersten Schultagen sorgenvoll zu mir und sagte, ihr Kind könne schon lesen und schreiben, das würde eine Unterforderung. Dies veranlasste mich zu besonderer Anstrengung in meiner Aufgabe und zu meiner Überraschung kam die Mutter einige Tage später ganz gelöst wieder auch mich zu und berichtete, ihr Junge sei Tags zuvor nach Hause gekommen und hätte gesagt: “Du Mama, das K hab ich ja schon gekonnt, aber heute in der Schule habe ich es kennen gelernt.“
Hier hat das Kind außer Wissen vom Wesen des K etwas erlebt (z.B. Bild vom König).
So werden in der 1. Klasse die Buchstaben nicht beigebracht, um sie am Schluss abfragbar gelernt zu haben. In 1. Linie werden sie benutzt, weil das Kind danach verlangt, sich an Ihnen zu entwickeln. So wird es Schrittweise aus der Phantasie des Bildes zur Abstraktion des Buchstabens hingeführt.

Sie sehen an diesem Beispiel, dass Entwicklung umfassend und zusammenhängend erfolgt. So will die Waldorfpädagogik im Gesamtentwicklungs- und Bildungsgang des Menschen von 0 – 18, besser wäre zu sagen bis 21 Jahre,  Begleiter sein.

Schauen wir uns nun die Entwicklungsschritte schematisch in 3 Folgen an:
Von 0 – 7 Jahren, von 7 – 14 Jahren und von 14 – 18 bzw. 21 Jahren.

 

Alter des Kindes

Wahrnehmung des Kindes

Anregung des Kindes

Entwicklung des Kindes

0 – 7

Vorbild

Nachahmung

religiös „gut“

7 – 14

Autorität

Nachfolge

künstlerisch „schön“

14 – 21

Individualität

Freiheit

wissenschaftlich „wahr“

 

Das Alter von 0 – 7 Jahren

Schauen wir zuerst einmal auf die Entwicklung zwischen Geburt und Einschulung im Alter von 0 – 7 Jahren. Die Waldorfpädagogik bietet für dieses Alter u. a. an:

Geburtsvorbereitungskurse in der Filderklinik, IPSUM Familienbegleiter Kleinkind, Kleinkindwaldorfgruppen für 1 ½ bis 3 Jahre, Kindergarten für 3 – 7 Jahre.

Die Waldorfpädagogik sieht in der Aufgabe des Waldorfkindergartens ganz andere Voraussetzungen als später in der Schule. Die Früherziehung im Kindergarten soll intellektuell und reflektorisch noch zurückhaltend bleiben und insbesondere das Eintauchen in vielfältig differenzierte Tätigkeiten und sinnlich konkrete Wahrnehmungen fördern. So soll das Kind eine breite Erfahrungswelt erleben und durch Nachtun sich selbst aneignen. So wirkt der Erwachsene als Vorbild und das Kind als sein Nachahmer. Im Waldorfkindergarten lernt das Kind viele primäre Erfahrungen kennen, die Lebensprozesse nachvollziehbar machen. So wird gekocht, gebacken, geputzt gewaschen genäht und alles mit elementaren Mitteln. Ich selbst hatte seinerzeit ein Waschbrett (Vom rauf-runter zum Kreiseln in der Maschine) oder ein Butterfass (Vom rauf-runter zum Kreiseln der Rührmaschinen). So lernen die Kinder die Ursprünglichkeit menschlicher Tätigkeit kennen. Das nicht nur über die Sinne (sehen, riechen ...) sondern auch über das Mittun.

Das Kind überlässt man gerne auch einige Zeit sich selbst, da spielt es in der Spielecke mit Klötzen, Tüchern, Geschirr, Kastanien usw. sein freies Spiel wie am Beispiel anfangs mit den Stöckchen statt Stift aufgezeigt werden sollte. Hier kommt das Kind aus den Grenzen des Erwachsen –intellektuellen hinaus in Phantasie und Kreativität.

Entsprechend dem, wie das Kind seine Umgebung ungefiltert aufnimmt und als „So ist es“ annimmt, wird deutlich, wie wichtig es für uns Vorbilder ist, die Umgebung und unser Handeln so einzurichten, dass es im wahrsten Sinne des Wortes gut ist.

Interessant ist auch die Nähe des Kindes zu höheren geistigen Mächten oder nennen wir es einfach seine Religiosität. Der Glaube an Nikolaus, Schutzengel, Gott, Zahnfee usw. ist bei den Kindern ein Wissen.

Erschüttert fragte ein 4jähriges meiner Bekannten beim Tod deren Mutter: „Mama, warum weinst du, freu dich doch, Oma ist jetzt beim lieben Gott.“ Ähnlich realistisch können Kindergartenkinder sogenannte elementare Wesen erleben. Für sie sind die „Kölner Hutzelmännchen“ eine wahre Geschichte oder kommen sie z.B. im Wald an einer bemoosten Wurzelformation vorbei und fragen, wohnen da die Zwerge? – Würden sie verneinen, nur weil sie sie nicht sehen?. An diesen Beispielen erleben sie, dass Kindergartenkinder sehr stark im ursprünglich religiösen leben, im Übrigen zu uns Erwachsenen auch in keinem Zweifel!

Schematisch zusammengefasst lebt das Kind in Nachahmung seines Vorbildes. Alles ihm entgegenkommende ist gut und sein kindliches Verständnis ist religiös.

Schulreifeprozess

Bevor wir zum nächsten Abschnitt, dem Alter zwischen 7 und 14 Jahren kommen, sollte hier das Augenmerk auf eine einschneidende biographische Besonderheit gelenkt werden, die sogenannte Schulreife.

Eine zentrale Frage nimmt hierbei ein, woher kommen die Kräfte, die jetzt plötzlich auftauchen für Rechnen Schreiben, Lesen lernen? Wo waren diese Kräfte vorher?
Diese Kräfte waren vorher besonders damit beschäftigt, den physischen Organismus, Körper und Organe zu bilden.

Lassen sie mich an einem Schema zeigen, wie außerordentlich die Entwicklung des Körpers eines Kindes im 1. Jahrsiebt von statten geht:

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