Baugeschichte der Freien Georgenschule

Es ist wohl für uns heute kaum noch nachvollziehbar, unter welchen Bedingungen im Herbst 1946 der Anfang unserer Schule vom damaligen Gründerkollegium gewagt wurde.

Als nach dem Zusammenbruch das erste Weihnachtsfest gefeiert wurde, führte der noch kleine Kern der Schule , eine Kindergruppe in Pfullingen, ein Weihnachtsspiel vor einer  größeren Kinderschar in einem Kellerraum auf. Noch besaß die Schule keinerlei Behausung. In über die ganze Stadt verteilten Räumen, in Gaststuben, Werkskantinen und Ladenlokalen, darunter auch in einer Militärbaracke in der Gartenstraße, bei deren Abbruch sich später herausstellte, dass eine Fliegerbombe darunter lag, betreute sie die rasch anwachsenden Klassen. Sicher erinnert sich noch mancher Schüler der ersten Stunde an die Unterrichtsstunden in einem Raum des heutigen Polizeigebäudes, das damals die Handelsschule beherbergte. Die Lehrer „radelten” durch die Stadt, um rechtzeitig während der kurzen Pausen die nächste Klasse - um einzelne Tische in einer Fabrikkantine versammelt - zu unterrichten. Der persönlichen Initiative des Stadtoberhauptes, Oskar Kalbfell, ist es zu verdanken, dass sich dann 1949 die Schule erstmals unter einem Dach zusammenfinden konnte.

Das Gebäude, das nun am Fuße des Georgenberges in den Obstwiesen an der Moltkestraße aufgerichtet wurde, stammte aus Oberndorf und sollte gesprengt werden, da es Bestand der bekannten Mauserwerke gewesen war. Nicht weitere Zerstörung, sondern Wandlung war das Gebot der Stunde, die „Mauserbaracke”, der Altbau, der dem Krieg, der Waffenfabrikation gedient hatte, sollte jetzt dem Leben, der heranwachsenden Generation, der Zukunft dienen.

Nun stand auch der Name der Schule in gotischer Schrift über dem Eingang, den sich die Schule bei ihrer Eröffnungsfeier im Volksbildungshaus im März 1947 gegeben hatte. Nicht nur der Standort rechtfertigte den Namen, sondern das Vorbild des kämpferischen Geistes des heiligen Georg, was in einer alten Sage zum Ausdruck kommt, wonach dieser seinen Speer einst vom Gipfel des Vulkankegels hinüber zum Drachenberge schleuderte und den Drachen, den Widersacher in seine Schranken wies.

Fast ausschließlich durch eigene Anstrengung der damaligen Eltern und Lehrerschaft wurde dann 1952 der „Mittelbau”, ein Fertigbau von der Firma Kübler in Göppingen, auf einem Unterbau erstellt, der erstmals die ganze Schulgemeinschaft, Schüler, Eltern und Lehrer, zwar dicht gedrängt, aufnehmen konnte und so die Möglichkeit eines Begeg­nens in Monatsfeiern, Klassenspielen und Schul­festen schuf. Auch die Weih­nachtsspiele konnten nun hier stattfinden, und es musste nicht mehr der Kinosaal in der Bundeshalle oder im Olympiatheater dafür gemietet werden. Neben zwei Klassen entstanden ein Chemie-Physiksaal, ein Handarbeitsraum sowie ein Raum für das Fach Eurythmie. In Eigenarbeit von Eltern, Lehrern und Schülern entstand als Verbindung zwischen Mauserbaracke und Mittelbau der Hand­werks­raum. Trotzdem war die Raumnot groß, Klassen mit bis zu 60 Schülern drängten sich in den Mansardenräumen, die von Tragebalken unterteilt wurden; ein Unterrichtsräumchen, in dem samstags der Schularzt seine Tätigkeit ausübte, konnte nur betreten werden, wenn man den davor liegenden Raum durchquerte.

12 volle Klassen erfüllten die Räume mit Leben und drängten in den Pausen zum großen Birnbaum, der mitten im Pausenhof stand. Die Abiturvorbereitungsklasse machte sich jeden Morgen auf den Weg zum Bahnhof, um mit den Tübingern zusammen den Stoff für die Externenprüfung zu erarbeiten.

1960 mussten dann die umliegenden Anwohner in der Kant-, Frauen- und Moltkestraße wieder Baulärm geduldig ertragen, weitere Räume und Grünflächen wurden geopfert, damit nun endlich auch eine erste Kindergartengruppe sich zusammenfinden konnte. Die Musik bekam auch einen eigenen Raum, der neben den Kindern auch noch Platz für den ersten, von einem Schülervater gespendeten Flügel der Schule bot.

Da nahezu ein Drittel der Schülerschaft täglich von weither mit der Bahn aus dem Nürtinger Raum anreiste, konnte jetzt in der Kantine im Keller ein Mittagessen ausgegeben werden. Die 12. und 13. Klasse bezog die Räume unter dem schrägen Pultdach und das Abitur wurde erstmals 1961 am Ort  abgelegt.

Die Zeit des Improvisierens in der Nachkriegszeit neigte sich dem Ende zu - berechtigte Ansprüche, besonders des naturwissenschaftlichen aber auch künstlerisch-praktischen Unterrichts an der Schule wurden laut, Zuschüsse des Landes durften erwartet werden, und so entschloss sich der aus Eltern und Lehrern gebildete Schulvereinsausschuss dazu, einen 4. Bauabschnitt zu planen und  mit viel Opferkraft durchzutragen. Erstmals durfte man daran denken, nicht nur den allerbilligsten Weg zu gehen, die Räume bekamen einen wabenförmigen Grundriss, die Portale der Türen wurden vom Handwerkslehrer geschnitzt und farbig gestaltete  Wände im Oberstock sorgten für ein Beleben der Sinne. Neben 3 Klassen, deren Größe sich erstmals nach dem Atemvolumen der dort untergebrachten Schüler orientierte, entstanden je ein Physik- und Chemiesaal, ein Eurythmiesaal von gewünschter Größe, sowie ein besonderer Raum für Malen und Zeichnen in der Oberstufe. Für das Plastizieren und Buchbinden wurde im Unterbau des Kindergartengebäudes, das 1973 an der Kantstraße entstand, Platz geschaffen, der Kindergarten wuchs auf 4 Gruppen an.

Mittlerweile war der Zustrom zum Kindergarten und zur Schule so groß geworden, dass in jedem Jahr viele Eltern mit ihrem Anliegen, ihr Kind in die neue 1. Klasse einzuschulen, abgewiesen werden mussten. Die Schule konnte sich nicht länger darum „drücken”, dieser Tatsache ins Auge zu blicken, Entscheidungen mussten gefällt werden. Man entschloss sich, eine Schulgründungsinitiative in Köngen zu unterstützen und die Freie Georgenschule auf diese Weise zu entlasten, denn allen Beteiligten war deutlich, die Freie Georgenschule sollte einzügig bleiben. So wurden über fünf Jahre in Reutlingen Doppelklassen geführt, der Raum dazu wurde durch eine Interimsbaracke auf dem heutigen Gartenbaugelände vor der heutigen Turnhalle geschaffen, ein 1. Bauabschnitt wurde in Nürtingen vom erweiterten, gemeinsamen Schulverein geplant und gebaut. Der Andrang von Schülern aus dem Nürtinger Raum entsprach nahezu 30%. Ein Gesamtbebauungsplan, an so etwas hatte man sich in den Jahren zuvor verständlicherweise nie herangewagt, wurde für Reutlingen erarbeitet. Mit dem Einzug der 5 Nürtinger Klassen in ihr neues Heim in Nürtingen im Jahre 1976 war es dann so weit, dass die Freie Georgenschule in 3 weiteren Bauabschnitten endlich den Raum bekommen sollte, den sie aufgrund der Schülerzahl in Zusammenarbeit mit den Dienststellen des Kultusministeriums beanspruchen durfte:

Einen  Klassentrakt, einen Festsaal und  - in einem abschließenden Schritt  -  eine eigene Turnhalle. Ein Abbruch der so lieb gewonnenen Mauserbaracke, der Keimzelle des Menschenbildungswerkes, in das so viele Opfer hineingesteckt worden waren, war wegen der eng bemessenen Grundstücksfläche nicht zu umgehen, viele Lehrer und Eltern entzogen sich wehmütig diesem Anblick, als dann 1978 die schweren Baumaschinen anrückten und Platz schufen für das Errichten der Baugestalt, wie wir ihr heute begegnen.

1979 zogen die Schülerinnen und Schüler in den „Turmbau” mit den schön ausgestalteten und aufsteigenden Klassenräumen ein. Im Untergeschoß entstanden endlich zwei große Handwerksräume, die wöchentliche Lehrerkonferenz fand erstmals in einem besonderen hierfür geplanten Raum statt, und die Verwaltung bezog ihre Räume entlang der Moltkestraße. Während der Bauzeit wurden die durch den Auszug der Nürtinger Klassen freigewordenen Räume in der Interimsbaracke genutzt, der Schulbetrieb konnte so ungehindert weitergehen. Gleich im Anschluss daran wuchs aus der tiefen Baugrube an der Frauenstraße der Saalbau, der in gründlicher Zusammenarbeit zwischen Bauausschuss und den Architekten auf dem Papier und am Modell konzipiert worden war.

1980 fand die festliche Einweihung statt! Damit hatte die Schule nicht nur einen großen und schönen Rahmen für ihre Feste und gemeinsamen Begegnungen geschaffen, sondern sich auch dem kulturellen Leben der Stadt geöffnet.

„Stiefkind” blieb der Turnunterricht, der letzte Bauabschnitt musste hinausgeschoben werden, das verantwortungsvolle Umgehen mit den Finanzierungsmöglichkeiten der Schule durch den Vorstand des Vereins ließ eine solche Verschuldung nicht zu., Der Eltern- und Lehrerschaft konnten nicht noch größere finanzielle Opfer abverlangt werden.

Im Jahre 1986 dann - die Stadt Reutlingen hatte uns einen Bauplatz außerhalb des bisherigen Schulgeländes im ehemaligen Gartenbereich der Frauenarbeitsschule zur Pacht überlassen - konnte im 40. Jahre der Bau der Turnhalle in Angriff genommen werden.

Wenn wir nun, im 50. Jahre stehend, auf die nach und nach gewordene Baugestalt dieser Freien Georgenschule schauen, so haben wir ein Bild einerseits für das gesunde und den jeweiligen Verhältnissen angepasste Wachsen dieser Schule, andererseits den Beweis für ein phantasievolles, mit großen Opfern verbundenes, verantwortliches Zusammenwirken von Eltern und Lehrern, getragen von dem festen Willen, den heranwachsenden Generationen den Weg in ein tatkräftiges und von der Kraft der Persönlichkeit verantwortetes Leben zu ermöglichen.

Wir sind heute aufgerufen, unseren Beitrag zu leisten, in dem wir aus Dankbarkeit für das Gewordene, das Bestehen dieser Schule weiter tragen in das 3. Jahrtausend hinein durch den äußeren Erhalt der baulichen Hülle, aber vor allem durch die beständige pädagogische Arbeit in Geistesgegenwart und auf dem Fundament des Menschenbildes von Rudolf Steiner.

Michael Kampermann

Freie Georgenschule

... Nun stand auch der Name der Schule in gotischer Schrift über dem Eingang, den sich die Schule bei ihrer Eröffnungsfeier im Volksbildungshaus im März 1947 gegeben hatte. Nicht nur der Standort rechtfertigte den Namen, sondern das Vorbild des kämpferischen Geistes des heiligen Georg, was in einer alten Sage zum Ausdruck kommt, wonach dieser seinen Speer einst vom Gipfel des Vulkankegels hinüber zum Drachenberge schleuderte und den Drachen, den Widersacher in seine Schranken wies...

 

 

Das Urkollegium vor dem Eingang zur Mauserbaracke
Unterricht in den alten Klassenräumen
Erich Weismann im kleinen Saal beim Einstudieren eines Klassenspiels.
Haidbau und Oberstufenbau
Luftaufnahme der Freien Georgenschule
Georgensaal Innenansicht
Entwurf für die neue Turnhalle