Der Beginn der Freien Georgenschule

Wer weiß denn noch, wie das war damals unmittelbar nach dem Kriegsende? Trümmer, Besatzung, kein Geld, wenig zu essen, die Kinder in Not, die Väter gefallen oder noch in Gefangenschaft, Mütter im Kampf gegen das tägliche Elend. Erziehung? Gab es nichts Wichtigeres? Einen vollen Suppentopf etwa oder ein paar Stiefel? In den Seelen aber verdüsterten Resignation, Schuldgefühle, Kampf ums Dasein jeglichen Blick auf eine für die junge Generation zu gestaltende, sinnerfüllte Zukunft.

Damals lag im Reutlinger Reservelazarett Frauenarbeitsschule, schwer erkrankt aus dem Kriege heimgekehrt, der ehemalige Lehrer der Berliner Waldorfschule Erich Weismann. Er und seine Kollegen hatten nach der gewaltsamen Schließung der Schule in Berlin und Gestapo-Haft 1938 einander versprochen, wenn der Nazi-Spuk vorüber sei, wieder neu zu beginnen mit dem Erziehungswerk, das 1919 in Stuttgart von Dr. Rudolf Steiner mit der ersten Freien Waldorfschule begründete worden war.

Jetzt kamen in all dem Elend innerer und äußerer Zusammenbrüche Eltern zu Erich Weismann und fragten nach einer Schule, die Kinder wieder zu einer gesunden leiblich-seelisch-geistigen Entwicklung verhelfen könnte. Das war der Augenblick der Initiative: Da waren Kinder, da war seine pädagogische Erfahrung, da waren Eltern, die mittragen und unterstützen wollten. Da wurde geboren der Lebensentschluß, in Reutlingen eine solche Schule ins Leben zu rufen.

Was das damals an Vorbereitungsarbeit unter dem französischen Besatzungsregime bei der völlig unklaren Behördensituation der deutschen Ämter usw. kostete, bis endlich am 12. Juni 1946 der „Verein für ein Freies Schulwesen Reutlingen e.V.” begründet werden konnte! Hunderte von Besprechungen, von Anträgen, von halben Zusagen, von versteckten Gegnerschaften standen schon jetzt auf dem Weg zu einer Einrichtung, die nur helfen wollte und sonst gar nichts.

Als dann am 18. November 1946 die „Freie Georgenschule” den Unterricht aufnahm, waren Monate der Kollegiumsbildung, der Schulraumsuche und der allernötigsten äußeren Ausstattung (Tafeln, Schreibpapier, Heizmaterial usw.) vergangen. Unterrichtet wurde in dreizehn verschiedenen Lokalitäten von Pfullingen bis Reutlingen: in Werkskantinen, Wirtshausnebenzimmern, Privathäusern, einem verlassenen Frisiersalon usw. Die Handarbeitslehrerin fuhr mit dem Fahrrad von Klasse zu Klasse. Geheizt wurde mit Holzscheiten oder Briketts, die Schüler in Kanonenöfen verfeuerten. In Pausen gab es Quäkerspeisung aus Amerika. Geschrieben wurde auf altem Packpapier und gewendeten Briefumschlägen. Natürlich wurde wie überall auch Lesen und Rechnen gelernt; aber vor allem Seelennahrung durch vielfältige musikalische Betätigung, bildnerisches Schaffen, Theaterspielen den danach hungernden Heranwachsenden gespendet. Zu lernen war, wie man sich anständig benimmt, grüßt, die Nase putzt...

Als uns dann hier und da aus benachbarten, besser situierten pädagogischen Einrichtungen etwas spöttisch der Name „Hilfsschule” angehängt wurde, konnten wir nur antworten: „Natürlich, was denn sonst?! Sie etwa nicht??” - Der damalige OB Oskar Kalbfell hatte schon früh die innere Tendenz einer solchen Initiative verstanden. Bei der Abstimmung über unsere Genehmigung im Gemeinderat gab er bei Stimmengleichheit mit seiner Stimme den positiven Ausschlag. Die Weiterarbeit stand dann unter einem guten Stern. Immer mehr Eltern brachten ihre Kinder, die Klassen füllten sich mit bis zu 60 Kindern. Als Jahre später unsere Eurythmie-, Gymnastik- und Handarbeitsbaracke auf einem Trümmergrundstück in der Gartenstraße aufgegeben und abgebrochen wurde, fand sich unter dem Boden der Blindgänger einer noch scharfen 250 kg-Fliegerbombe.

Die Schule in ihrer eigentlichen pädagogischen Arbeit zu beschreiben, ist hier nicht der Platz. die Behinderung, keine gemeinsame Behausung zu haben, hat uns damals bei allem Schwung doch sehr bedrückt. Unsere Schulfeiern, Konzertaufführungen, Weihnachtsspiele fanden in Kinosälen (Olympia am Federnsee, Bundeshalle) statt. Eines Tages gelang es wiederum dem aufmerksamen OB Kalbfell, für uns ein Schulhaus zu „organisieren”. Das war eine zur Sprengung durch die Franzosen anstehende Konstruktionsbaracke der Rüstungsfirma Mauser in Oberndorf am Neckar. Sie wurde also nur demontiert, auf Holzgaslastwagen hertransportiert und auf der Streuwiese an der Moltkestraße 29 (beim Volkspark) aufgerichtet, unter aktiver Mithilfe von Eltern, Lehrern und Schülern. Da war ein Fest im Frühsommer 1949! Wir versuchten jahrelang, dies Haus von seinem Altzweck her unserer friedlichen Aufgabe anzuverwandeln. Regelmäßig wurden die Wände durch das Singen und Musizieren der Kinder durchtönt; strahlende Farben leuchteten überall auf; die Bepflanzung begann das ganze Areal zu verlebendigen. Werkstätten kamen hinzu, ein kleiner Festsaal mit Bühne, Fachräume für naturwissenschaftlichen und künstlerischen Unterricht. Das Unterrichtsangebot wurde stark ausgeweitet, die Schülerzahl wuchs (z.T. bis in Doppelklassen hinein). Unser geliebter „Altbau” mußte einem den neuen Bedürfnissen entsprechenden Neubau weichen. Schon ab 1960 haben wir die Abiturklasse bei uns geführt und zugleich den Kindergarten eröffnet (heute 4 Gruppen). In der Folge konnten wir dem unvermindert anhaltenden Zustrom nur noch durch Neugründung von „Tochterschulen” in Nürtingen (für das Neckartal) und Groß-Engstingen (für die Alb) begegnen.

Mittlerweile werden bei uns als einziger Reutlinger Schule vier staatliche Prüfungen abgelegt (Hauptschulabschluß, Mittlere Reife, Fachhochschulreife, Abitur). Die Ergebnisse können sich überall sehen lassen. Wir betreiben Schulküche, Warteklasse und Hort; es gibt künstlerisch-therapeutische Einrichtungen. Zum Kollegium gehört ein Schularzt, der für alle Kinder von der Aufnahmesprechstunde an da ist. Unser schöner „Georgensaal” ist seit 1979 ein Mittelpunkt des Schullebens und spielt im Reutlinger Kulturleben eine angemessene Rolle.

Sorgen bereiten uns nicht mehr so sehr Aufbau und äußere Anerkennung. In Deutschland gibt es über 200 Waldorfschulen, viele Hunderte in allen Kontinenten der Erde, die international zusammenarbeiten. Es fehlt aber überall an Lehrern, die solche „Hilfe” in einer freien Schule ohne staatliche Absicherung leisten mögen. Wirtschaftliche Nöte bedrücken uns und unsere Elternschaften, die durch persönliche Opfer diese Schulen tragen. Am meisten aber haben wir zu ringen um die Erkenntnis unserer eigenen Ursprungsimpulse, die aus der Menschenkunde Dr. Rudolf Steiners („Anthroposophie”) hervorgehen und immer neu gefunden und ausgestattet werden müssen. Auf 50 Jahre Arbeit blickt unsere Freie Georgenschule nun zurück. Einer stetigen Weiterarbeit gegen alle äußeren und inneren Widerstände fühlen wir uns verpflichtet.

Gunther Zickwolff

1946...

Es ist wohl für uns heute kaum noch nachvollziehbar, unter welchen Bedingungen im Herbst 1946 der Anfang unserer Schule vom damaligen Gründerkollegium gewagt wurde.

Als nach dem Zusammenbruch das erste Weihnachtsfest gefeiert wurde, führte der noch kleine Kern der Schule, eine Kindergruppe in Pfullingen, ein Weihnachtsspiel vor einer  größeren Kinderschar in einem Kellerraum auf. Noch besaß die Schule keinerlei Behausung. In über die ganze Stadt verteilten Räumen, in Gaststuben, Werkskantinen und Ladenlokalen, darunter auch in einer Militärbaracke in der Gartenstraße, bei deren Abbruch sich später herausstellte, dass eine Fliegerbombe darunter lag, betreute sie die rasch anwachsenden Klassen.

 

Der Laden in Pfullingen (Fahrschule Rösch), einer der ersten Unterrichtsräume.
Sigurd Bindel und Erich Weismann unterrichten eine der ersten Klassen.
An Komfort war nicht zu denken, die Schüler brachten Heizmaterial selbst mit.
Auch die alte Handelsschule diente als Unterrichtsraum. Lehrer und Schüler wechselten die Unterrichtsräume per Fahrrad und zu Fuß.
Schulhof vor der Mauserbaracke.
Eingang zur Mauserbaracke.